Aus dem Untergrund in den Blickpunkt der Öffentlichkeit – Sonderausstellung zu 10 Jahren archäologischer Grabungen im Jahr 2013

Archäologen in der Grube

Archäologen in der Grube

Die archäologischen Ausgrabungen, die parallel zum Bau der Nord-Süd Stadtbahn Köln stattfanden, haben die Arbeit der städtischen Bodendenkmalpflege im Römisch-Germanischen Museum maßgeblich geprägt.

Schon zwei Jahre bevor die Grabungen im Gelände begannen, wurde anhand verfügbarer Unterlagen wie alter Gebäudeverzeichnisse, Stadtpläne, Urkunden und bereits zuvor gemachter Funde festgestellt, welche Überreste auf welcher Untersuchungsfläche zu erwarten waren.

So ließ sich der jeweilige Zeitbedarf kalkulieren und in die Planungen des Bauablaufs für die unterirdische Stadtbahn integrieren.

Die Zeiträume, die das Römisch-Germanische Museum errechnete, bewegten sich jeweils zwischen vier und 18 Monaten.

Ausgrabung am Chlodwigplatz

Ausgrabung am Chlodwigplatz

Hauptgrabungsorte waren die acht künftigen Haltestellen der Nord-Süd Stadtbahn sowie der Gleiswechsel am Waidmarkt und die Baugrube im Bereich Kurt-Hackenberg-Platz/ Bechergasse sowie Teilbereiche auf der Bonner Straße, die in offener Bauweise hergestellt wurden.

Zudem gab es zu Beginn des Projekts überall dort Grabungen, wo Leitungen aus den Baubereichen heraus (um-)verlegt werden mussten.

Zeitweise waren auf den unterschiedlichen Untersuchungsflächen mehr als 100 Archäologen im Einsatz.

Meist verliefen diese Arbeiten unbeobachtet von der Öffentlichkeit: Nachdem die ersten zwei bis drei Meter Erde ausgeschachtet waren, wurden die Baugruben abgedeckelt, damit der Stadtverkehr darüber weiter fließen konnte.

Gefundene Hufeisen

Hufeisenfunde

Darunter arbeiteten Tunnelbauer und Archäologen nicht selten Seite an Seite – die einen mit Bagger und Schaufellader, die anderen mit Schippchen und Pinsel. Parallel zur Geländearbeit reinigten die Archäologen die unzähligen Funde, bestimmten sie wissenschaftlich, gaben alle Informationen in Datenbanken ein und verpackten die gefundenen Kostbarkeiten magazinfähig nach den Vorgaben des Römisch-Germanischen Museums.

Die Ausstellung „ZeitTunnel“ fand vom 9. November 2012 bis zum 5. Mai 2013 statt.

Sie stellte die gewonnenen Ergebnisse der Ausgrabungen umfassend dar und lies viele Aspekte der Kölner Stadtgeschichte in einem helleren, einige auch in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Die Funde wurden im Foyer und in den beiden Sonderausstellungsräumen des Römisch-Germanischen Museums auf insgesamt rund 1.000 Quadratmetern präsentiert.

Ausgrabung Römische Hafenmauer

Römische Hafenmauer

Ein weiteres Ausstellungssegment widmete sich den an der U-Bahn-Archäologie beteiligten Naturwissenschaften.

Zudem wurden den Besuchern Informationen zum Bau der neuen, rund vier Kilometer langen unterirdischen Stadtbahntrasse geboten – einem Projekt, das ebenfalls seinesgleichen sucht und seinerzeit zu den größten Bauvorhaben im öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland zählte.

Vergangenheit zum Anfassen: Viele Funde werfen ein neues Licht auf die Kölner Geschichte und machen sie lebendiger als je zuvor

So unscheinbar mancher Ausgrabungsfund zunächst scheinen mag, so wichtig und aufschlussreich kann er sein: Neben Münzen, Mauern, Menschenskeletten interessieren sich die Wissenschaftler auch für Pollen, Holzstücke, Getreidereste, Obstkerne oder Tierknochen.

Zwinger am Chlodwigplatz

Zwinger

Sie können viel über die Pflanzen- und Tierwelt, das Klima und die Ernährungsgewohnheiten der Menschen in den unterschiedlichen Epochen aussagen.

Um diese kleinen und großen Zeugnisse der Vergangenheit auszuwerten, Herkunft, Alter und anderes mehr bestimmen zu können, arbeiten die Archäologen eng mit spezialisierten Naturwissenschaftlern des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln zusammen.

Anhand von dendrochronologischen Untersuchungen zur Bestimmung von hölzernen Funde konnte beispielsweise festgestellt werden, dass die Eichenbalken der antiken Hafenanlage, die Archäologen 2005 am Kurt-Hackenberg-Platz fanden, über 1.900 Jahre alt sind und die hölzernen Einbauten vermutlich im Jahr 90 nach Chr. errichtet wurden.

Die in Köln lebenden Römer hatten ihren Hafen an einer Nebenrinne des Rheins gebaut. Genau in dieser Rinne wurden das Verflechtungsbauwerk Kurt-Hackenberg-Platz/ Bechergasse und die Haltestelle Rathaus gebaut. An der Rückseite des Historischen Rathauses stießen die Archäologen auf ein acht Quadratmeter großes Wrackteil, das zum Boden eines römischen Lastkahns aus Eichenholz gehörte, das im 1. Jahrhundert sank.

Skelettfund

Skelettfund

Anhand einer Holzprobe konnte festgestellt werden, dass die Eiche, aus der der Prahm gebaut wurde, wahrscheinlich um 143 vor Chr. im Bergischen Land keimte.

Eine aufsehenerregende Entdeckung, denn vermutlich handelt es sich bei dem Kahn um das bislang älteste rök;mische Lastschiff, das bisher in Mitteleuropa gefunden wurde. Die Überreste wurden nach Mainz in das Museum für antike Schifffahrt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums überführt, wo sie untersucht und aufgearbeitet werden.

Schiffe wie der gefundene Prahm konnten rund 20 bis 30 Tonnen transportieren. Oft brachten sie Steine, Bauholz, Nutztiere und Lebensmittel. Auch römische Kriegsschiffe und Frachter legten in dem stark frequentierten Hafen an.

Sie führten Waren aus den entferntesten Gegenden des Imperiums mit sich: Wein, Olivenöl und vergorene Fischsoße kamen in Transportamphoren, die zu römischer Zeit nicht viel mehr waren als eine Einwegverpackung. Gut erhaltene Aufschriften auf den Gefäßen belegen, dass die Inhalte aus Italien, Spanien, Kleinasien und Tunesien stammten.

Zahlreiche Austernschalen aus dem Atlantik, die an gleicher Stelle gefunden wurden, zeigen, dass die Römer es sich in Germanien gut gehen ließen.

Waren die Gefäße geleert, wurden sie einfach ins Hafenbecken geworfen – auch zu damaliger Zeit schon eine Art der Entsorgung, die verboten war!

Überraschend für die Archäologen war der Fund einer mittelalterlichen Bergkristallwerkstatt aus dem 12. Jahrhundert unter dem Kurt-Hackenberg-Platz - die einzige in ganz Europa. Um die 65.000 teilweise nur millimetergroße Kristallsplitter fanden die Wissenschaftler hier. Dazu kleine Hämmerchen, mit denen die Steine beschlagen wurden, Überreste von Schleifsteinen und Bleiplatten, die zum Polieren dienten. Bearbeitet wurden die funkelnden Bergkristalle als Besatz für Goldschmiedearbeiten, Bucheinbände, Schreine oder Kruzifixe benutzt. Hauptauftraggeber der Werkstatt war vermutlich der Kölner Erzbischof.

Kapitell

Kapitel

Besitz und Leben der Einwohner mussten zu fast allen Zeiten geschützt und verteidigt werden. Aus diesem Grunde erbauten die Römer in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts eine Stadtmauer, von der im Bereich des ehemaligen Hafens ein besonders gut erhaltenes Stück samt Kanalauslass und Hafentor gefunden wurde.

Am Chlodwigplatz legten die Archäologen ein mächtiges Bollwerk frei, das Mitte des 15. Jahrhunderts etwa 50 Meter vor der Severinstorburg errichtet wurde.

Wer wissen möchte, wie das Leben in dieser Stadt in den vergangenen 2000 Jahren aussah, erhält durch die Ergebnisse der Grabungen, die im Zusammenhang mit dem Kölner U-Bahn-Bau durchgeführt wurden, neue spannende und lebendige Eindrücke, die zuvor nicht möglich waren.

Eine von der KVB herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Die Stadt unter der Stadt“ finden Sie hier.

Bastion am Chlodwigplatz

Bastion

Kopf eines eiszeitlichen Wollnashorns im römischen Hafenbecken

Der älteste Fund, den die Archäologen an dieser Stelle machten, ist ein etwa ein Meter langer und 20 Kilogramm schwerer Knochen, der zum Schädel eines Wollhaar-Nashorns gehörte, das vor 37.000 Jahren durch die eiszeitliche Landschaft stampfte.

Wie immer der Kopf in das römische Hafenbecken geriet, gut war es dem Tier nach seinem Ableben nicht gegangen: Vermutlich von einem Beil stammende Schlagspuren lassen vermuten, dass Handwerker den Knochen als Hackebrett verwendeten.

100 Fundgeschichten und viele Erkenntnisse zur Stadtgeschichte

Zur Ausstellung „ZeitTunnel“ wird ein etwa 280 Seiten starkes Begleitbuch mit zahlreichen Fotos erscheinen. In rund 100 ausgewählten Fundgeschichten wird über die Erkenntnisse aus zehn Jahren U-Bahn-Archäologie berichtet.

Bereits 2004 veröffentlichte Dr. Marcus Trier gemeinsam mit Carl Dietmar unter dem Titel „Mit der U-Bahn in die Römerzeit“ ein Handbuch zu den archäologischen Grabungsstätten rund um den Bau der Nord-Süd Stadtbahn.

Es informiert über die Stadtgeschichte und die Voruntersuchungen zu den Grabungen.